Frei niedergelassen oder Privatpraxis?

Wenn Politik weder absprachefühig ist, noch offen kommuniziert.

Mitte der 90iger Jahre war insbesondere von dem damaligen Gesundheitsminister Seehofer die „sprechende Medizin“ eingefordert worden. Auch uns, als in Krankenhäusern ärztlich Tätige, erschien dies als dringend überfällig.

Entsprechend  setzten wir Schwerpunkte in unserer Ausbildung zwischen  1990 und 1998 und erlernten z.B: verschiedene Psychotherapiemethoden und suchten uns psychiatrische Lehrkrankenhäuser mit entsprechenden Kompetenzschwerpunkten aus.

Danach konnten wir die damals sogenannte „sprechende Medizin“ anbieten und manche moderne fachärztliche Behandlung ambulant durchführen, die sonst – rein rechnerisch – teurer im Krankenhaus erfolgen musste.

Dies schien uns im Interesse der Patienten, der Politik und der Kostenträger zu liegen. – Wie sich leider bald herausstellte, berücksichtigte unsere Idee aber unzureichend die realen entscheidungstragenden Instanzen des Gesundheitswesens.

Zunächst einmal gründeten wir am 01.01.1999  unsere Praxis.

Wir gingen auf Empfehlung der Kassenärztlichen Vereinigung nach  Horhausen im Westerwald, um kassenärztlich tätig sein zu können.

Lediglich die Entscheidung für den Standort Horhausen stellte sich als richtig heraus.

Seither erleben wir die  Gesundheitspolitik  so, dass seit den 1990iger Jahren die Weichen  gegen eine ambulante Facharztmedizin gestellt wurden. Das griechische Gesundheitswesen wurde ca. zwischen 2000 und 2010 als effizientestes in Europa dargestellt. Mit der Griechenlandkrise verschwand diese Absurdität (wenig differenzierte Medizin stattdessen das Problem Korruption) dann schlagartig.

Für unsere Fachgebiete nahmen sich die führenden Parteien bald die Niederlande offiziell als Vorbild:  Dort war es Anfang der 2000er Jahre „gelungen“, innerhalb von 2 Jahren alle neurologischen und psychiatrischen Praxen zu schließen.

Ab 2000 erlebten wir beispielsweise, dass fachärztliche Handlungs- und Entscheidungsspielräume im vertragsärztlichen Rahmen abnahmen: Untersuchungen die zum Kern der Neurologie gehören (Messungen) konnten kaum noch abgerechnet und damit nicht mehr erbracht werden.

Differentialdiagnostische Zusatzuntersuchungen, zum Beispiel eine Rheunaserologie durfte allenfalls delegiert werden.

Heute gibt es das entsprechende Rheumalabor der Rheumaklinik Aachen nicht mehr. Es ist ausgetrocknet worden, obwohl es bei Forschung und seriöser Diagnostik jahrzehntelang den deutschen Standard darstellte. – So brach allgemein Qualtät – auch für Privatpatienten – weg. Die Maschen der Schleppnetzfahndung wurden dadurch so groß, dass die entscheidende Facharztqualität nicht mehr gegeben ist. Heute kann man gesetzlich Versicherte kaum noch zu einem Neuroradiologen schicken. Das Nichtbezahlen, oder das Unterbezahlen von Leistungen bringt diese genau so zum Verschwinden, wie erhebliche bürokratische Hürden: Dauerte das Ausstellen einer Verordnung oder Überweisung ( z.B. Krankengymnastik, Logopädie, Ergotherapie, MRT- Untersuchung) 2000 ca- 1 Minute, so erfordeten bürokratische Hindernisse bald das 20fache an Zeit. Statt dessen sollten immer mehr Daten erhoben und weitergeleitet werden. Das Regressproblem und die Förderung von psychiatrischen Imstitutsambulazen nicht nur auf Kosten der Budgets der niedergelassenen Fachärzte kamen hinzu. Auch wurden neue nervenärztliche Facharztpraxen bald für die gleiche Leistung schlechter bezahlt, als alte Praxen.

Nebenbei versuchen immer wieder Versicherungen und vor allem Anwaltskanzleien die Praxen zu instrumentalisieren, zur billigen Informationsbeschaffung, zur Arbeitsbeschaffung, zur eigenen Entlastung / Outsourcing.

Unter diesen Bedingungen war kostendeckendes Arbeiten unmöglich.

Uns stellte sich somit die Grundsatzfrage, ob in Deutschland noch ausreichend (und wenigstens kostendeckende) Aufträge für die ärztlichen Kernkompetenz (Untersuchen und Behandeln) erhältlich sind:

Vor dem endgültig Wechsel der Praxis ins benachbarte Ausland wurde noch ein Versuch unternommen, unabhängig von der KV weiter zu arbeiten. Das war im Herbst 2004.

 

Gesundheit kommt nicht von alleine.

(Mittlerweile ist dieses brennende Problem in den Krankenhäusern und in der Pflege völlig offensichtlich.)

Es stellt sich somit folgende Frage:

Soll eine Praxis als Privatpraxis bezeichnen, die etwa zu 50% gar nicht tätig ist im Auftrag von Privatversicherten?

Dies würde viele unserer Auftraggeber abschrecken.

Heute gibt es Menschen, die gesetzlich versichert sind und aus verschiedenen Gründen  uns mit Diagnostik, Behandlung und Begutachtung beauftragen. Es gibt sogar gesetzliche Krankenkassen, die uns Patienten geschickt haben.

Einige Kassen arbeiten enger, andere nur punktuell mit uns zusammen. Das Verhalten der einzelnen Kassen ist auch ständig im Fluss und mit dem medizinischen Dienst der Kassen lässt sich kooperieren, zumindest soweit man mit neurologischen und psychiatrischen Fachkollegen zu tun hat.

Wir führen tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapien auch bei gesetzlich Versicherten durch. Die Genehmigung der Psychotherapie durch die Krankenkasse vollzieht sich dann nach dem sogenannten Erstattungsverfahren.

Eine Psychotherapie im Erstattungsverfahren setzt voraus, dass für mehrerer Vertragspsychotherapeuten lange Wartezeiten telefonisch erfragt werden konnten. Dann entscheidet der MDK (Medizinische Dienst der Krankenkassen) der zuständigen gesetzliche Kasse über die Genehmigung der Psychotherapie.

Schwere Erschöpfungszustände, Depressionen, aber auch Angsterkrankungen, Schlafstörungen, wartezimmerfähige Psychosen, Demenzabklärungen, hirnorganische Störungen und Zwangsstörungen können wir zeitnah behandeln.

Schwerere Depressionen und Angststörungen bedürfen oft einer medikamentösen Behandlung, damit Psychotherapie gelingt. Diese Patienten werden oft im Auftrag der behandelnden Psychotherapeuten bei uns kurz medikamentös eingestellt.

Wenn man sich Zeit nimmt, dann können wenige Behandlungen zu schnellen erheblichen Verbesserungen ambulant führen, oder zu einer etwas schnelleren und zielführenden stationären Behandlung.

Lediglich ein Drei – Minuten – Drehtürmedizin führt in unseren Fächern nicht zum Erfolg. Es dient nur der Antipsychiatrie und dem therapeutischen Nihilismus. Es schadet letztlich allen.

Nach unserer KV- Zugehörigkeit von 1999 bis 2004 verzichteten wir bewusst auf die weitere KV- Zulassung.

Da unsere Arbeitsbedingungen nicht fremdbestimmt sind, können wir die Behandlung so gestalten, dass sie gelingt.

Das verstehen wir unter frei niedergelassen.

Woher wissen wir, was zum Gelingen verschiedener Behandlungen erforderlich ist?

Wir haben das in der Realität, also seit 1989 in der konkreten Berufsausübung, den Facharztausbildungen und in kontinuierlicher Fort- und Weiterbildung gelernt.

Viele Patienten – ob gesetzlich oder privat – versichert, Institutionen und Versicherungen,  haben  seit 2004, nach unserem Verzicht auf die KV- Zugehörigkeit diese Vorteile für sich genutzt, bzw. uns mit der Behandlung beauftragt.